Seit Jahren …

Märchen fangen zwar etwas anders an („Es war einmal …“), sind aber fast genauso schwer zu glauben. Denn es ist inzwischen wirklich unglaublich, dass es nicht möglich scheint ein umfassendes Tabakwerbeverbot in Deutschland durchzusetzen. Obwohl (bis auf CDU/CSU und die sogenannte AfD) fast alle Parteien inzwischen dafür wären. Und die Bürger ohnehin – selbst bei Rauchern herrscht großes Unverständnis, weshalb Tabakkonzerne versuchen sollten, mit großformatigen Plakaten Raucher einer Marke zu einer anderen Marke „zu Verführen“. Es geht, seien wir doch ehrlich, um die langfristige Beeinflussung der Schwächsten und deren Abstieg in eine teure, sinnlose, umweltzerstörerische und nicht zuletzt tödliche Abhängigkeit.

Bereits im Sommer 2019 ließ die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel verlautbaren, dass, wenn es nach ihr ginge, das Tabakwerbeverbot bis Ende des Jahres unter Dach und Fach wäre und damit durchgesetzt werden würde:

Inzwischen haben sich dieser Meinung Gesundheitsminister Jens Spahn, die bislang eher Tabaklobby-orientiert sprechende Ministerin Julia Klöckner (u. a. Verbraucherschutz) und die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung Daniela Ludwig angeschlossen. Sie erhalten von diversen Unionsparlamentariern Rückendeckung, wie beispielsweise von CDU-Gesundheitspolitiker und Arzt Rudolf Henke. Mit dem neuen Fraktionsvorsitzenden Ralf Brinkhaus scheint auch in den Reihen der Konservativen Hoffnung auf einen Erfolg in der Verbrauerschutz- und Gesundheitspolitik gewachsen zu sein.

Aber natürlich gibt es auch den „neuen Kauder“: Joachim Pfeiffer scheint der neue Marionetten-Kasperl der internationalen Tabakkonzerne zu sein, denn es gibt wahrlich keinen Grund so unsinnige Argumente zu repetieren, wie er sie laufend vorbringt („Symbolpolitik“, „Süßes, Fastfood und Alkohol sind auch schädlich für die Gesundheit. Gibt es dann morgen ein Zuckerverbot, wird anschließend Fastfood gestrichen und kommt übermorgen ein Verbot für Bier?“, „Außerdem ist es nicht Aufgabe der Politik dem mündigen Bürger alles vorzuschreiben.“, „Es existieren keine validen Belege darüber, dass ein komplettes Werbeverbot auch tatsächlich wirkt.“), ach ja: außer monetären.

Um überhaupt ein tragfähiges Gesetz gegen den mächtigen Wirtschaftsflügel (böse Zungen würden ihn vielleicht als den gekauften Teil der CDU bezeichnen) zu entwickeln scheinen aber schon viele Kompromisse den Weg in das Papier gefunden zu haben:

  • Gültigkeit des Gesetzes erst ab 2022
  • POS-Maßnahmen bleiben erlaubt (d. h. Werbemaßnahmen u. a. mit großformatigen Bildschirmen nicht nur an Tankstellen sondern allen Verkaufsorten)
  • Kinowerbung in Filmen ab 18 Jahren soll (nun sogar ganztags) möglich bleiben
  • Tabakerhitzer scheinen inkludiert zu bleiben, bei E-Zigaretten und Verdampfern scheint sich die Verkaufs- und Suchtlobby eine Ausnahme zu erkämpfen (mit den gleichen Einschränkungen wie sie bereits jetzt gelten)
Nov
21

Greift die Selbstverpflichtung?

Der Deutsche Zigarettenverband wirbt massiv damit, dass Tabakwerbung notwendiges Mittel wäre, z. B. um die aktuellen Raucher über Preisänderungen zu informieren. Außerdem gehöre es zur Freiheit, vor allem zur unternehmerischen, dass Werbung für legale Produkte automatisch legal sein müsse.

Im O-Ton lauten die Argumente: „Die Freiheit zu werben, ist für jedes Konsumgüterunternehmen von grundlegender Bedeutung, damit es um Marktanteile konkurrieren kann. Werbung ist ein wesentliches Element des Wettbewerbes und ein wichtiges Hilfsmittel, um mit erwachsenen Konsumenten zu kommunizieren; auch dient sie der Förderung der Markenloyalität.“

Um den Kritikern, die Kinder in Gefahr wissen, begegnen zu können, gibt man sich gelinde zerknirscht: „Neben den gesetzlichen Anforderungen wollen die Mitgliedsfirmen des DZV mit einheitlichen Maßstäben für ihre Marketingaktivitäten sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche nicht die Zielgruppe für das Tabakmarketing sein dürfen und dass die Risiken des Rauchens nicht verharmlost werden. Zu diesem Zweck hat sich der DZV einen Werbekodex als verbindliche Richtlinie für die Marketingaktivitäten seiner Mitgliedsunternehmen gegeben.“

Mit diesem halbseidenen Versprechen und der Warnung vor der dräuenden Gefahr weiterer Werbeverbote (für Zucker, Alkohol, Bordelle) hat man im Verband der Zigarettenhersteller eine Selbstverpflichtung aufgesetzt, die u. a. anpeilt 100 Meter vom Haupteingang einer Schule oder eines Jugendzentrums keine Tabakwerbung zu pflastern. Rein hypotetisch gesprochen können aber auf der Fensterseite der Schule (also gegenüber vom Haupteingang) in 101 Meter Entfernung Großflächenplakate gut sichtbar von den Schulbänken hängen … Kinder können eh nicht lesen oder auf die jugendlich-getrimmten Bilder ansprechen.

Schließlich dürften Kinder und junge Menschen unter 18 Jahren ja nicht rauchen und würden es deswegen auch nicht tun. Entgegen aller wissenschaftlichen Evidenz.

Warum nehme ich mir die Zeit und schreibe dies? Weil ich heute am „Haus für Kinder“, einer Nürnberger Tageseinrichtung für Kinder (bis zum Ende des Grundschulalters, also 0 bis 10-11 Jahre) vorbeifuhr und mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein WEST-Plakat entgegenfiel. Bei meinen Bemühungen, diese Plakat entfernen zu lassen, habe ich nach den Abstandsregeln gesucht und bin darüber gestolpert, wie schlecht man doch die Selbstverpflichtung im Internet finden kann. Deswegen möchte ich sie hier nochmals zur Verfügung stellen und Allen Mut machen, gegen illegale Zigarettenplakate vorzugehen.

Links:

Ach ja, sowohl die Mitarbeiter der Stadt Nürnberg als auch die der Stadtreklame waren sehr freundlich, es ist wohl wegen hoher Auslastung eine manuelle Umbuchung erfolgt und dabei wurde der Tabak-Vermerk für diese Haltestelle übersehen. Das Plakat soll innerhalb 24 Stunden entfernt werden – das finde ich sehr schön! Auch wenn ein Tabakwerbeverbot in ganz Deutschland erklärtes Ziel ist und bleibt!

Categories: Tabakwerbung
Sep
25

Österreich atmet auf

Ein einziges Hin und Her durch äußerst korrupte Politiker und einige, die kompromissbereit waren. Die aufgrund der sogenannten „Ibiza-Affäre“ aus der Regierung geflogene FPÖ hatte es in der Koalition mit der ÖVP tatsächlich geschafft, das eigentlich schon beschlossene Rauchverbot in der Gastronomie nach bayerischem Vorbild in letzter Minute zu kippen.

Nun, da die sogenannten Freiheitlichen keine Regierungsverantwortung mehr haben, hat das österreichische Parlament erneut über die Einführung eines Nichtraucherschutzgesetzes an allen Orten, an denen Speisen hergestellt, verarbeitet, verabreicht oder konsumiert werden, beschlossen – gegen die Stimmen der FPÖ, versteht sich. Das Gesetz gilt darüber hinaus auch für reinen Getränke-Service, für Schulen & deren Freiflächen aber auch für gemeindliche Mehrzweckräume oder Pfarrsäle, Feuerwehrfeste und auch Festzelte. Biergärten (Gastgärten) bleiben vorerst von der Regelung ausgenommen. Von dem am 1. November 2019 in Kraft tretenden Gesetz profitieren nicht nur alle Österreicher sondern auch die vielen Touristen, die Österreich gerade auch der tollen Luft wegen schätzen.

Gute Luft in Österreich

Die FPÖ glaub entweder allen ernstes, dass die Freiheit einzelner über die Gesundheit aller zu stellen wäre oder ist über die offensichtlich gewordene Korruptheit aus dem Gespräch mit einer vermeintlichen Oligarchentochter aus Russland hinaus tatsächlich so industriell beeinflusst, dass sie gegen die menschliche Logik zu argumentieren bereit ist.

Deren Abgeordneter Peter Wurm kommentierte das Abstimmungsergebnis mit den Worten: „ Es schaut so aus, dass die Puritaner, die Pharisäer und die politisch Korrekten das lange Ringen gewonnen haben“. In Wirklichkeit hat die Politik alle Hinweise und Beweise aus der Medizin ernst genommen und sorgt in Zukunft für einen besseren Gesundheitsschutz.

Besonders freue ich mich darüber, dass das Alter, in dem in Österreich legal geraucht werden darf, von 16 auf 18 Jahre angehoben wurde und Jugendliche und Heranwachsende besser vor den Gefahren des Nikotins geschützt werden.

Als schönes Schlusswort kann die Antwort der JETZT-Abgeordneten Daniela Holzinger-Vogtenhuber stehen: „Wir beseitigen damit eine der absurdesten Hinterlassenschaften der abgewählten rechtskonservativen Regierung“. Danke!

Q: ORF
Bild: Peter Hüller auf Pixabay

Sep
23

Unverständnis bei (fast) allen

Wie tief verwurzelt die Tabaklobby in den „großen“ Parteien CDU, CSU und SPD und der mehr oder weniger verschwundenen Lobbypartei FDP ist, darüber haben wir schon mehrfach spekuliert. Dass aber kaum mehr jemand bereit ist, dies hinzunehmen, zeigt auch die ARD.

„Wir sind die einzigen!“ betitelt sie ein Video vom 12.09.2019 – das sagt eigentlich schon alles. Isoliert von allen anderen demokratischen Ländern in Europa steht ganz Deutschland noch immer ratlos vor werbebepflasterten Bushäuschen und dem öffentlich-rechlichen Sender fällt nichts mehr ein. Außer auf die Einnahmen aus der Beteiligung der Kommunen an den Werbeeinnahmen durch die Tabakindustrie zu verweisen.

Nachdem sich im Sommer 2019 sogar die Kanzlerin erst vage geäußert hat („Ich persönlich glaube, dass wir hier handeln sollten.“) und dann persönlich und konkreter wurde: „Wenn’s nach mir geht sollten wir […] die Werbung für Tabakprodukte verbieten.“ hatten viele (auch ich) schon gehofft, dass es voran geht. Leider ist aber der (monetäre?) Einfluss der Politikberater auf bestimmte Abgeordnete so groß (vgl. Volker Kauder), dass die normal denkenden und gesundheitspolitisch agierenden Mitglieder innerhalb der (vor allem) CDU sich nicht gegen die beeinflussten MdB durchsetzen können.

Link zur Website der ARD mit dem Video zur Sendung "Live nach Neun"

Es scheint so als versuchten die Konzerne so lange wie möglich den Status Quo aufrecht zu erhalten, um so viele Neu-Raucher „mitzunehmen“, wie es ihnen möglich ist. Und natürlich geht es um vermeintlich gesündere Alternativen wie e-Zigaretten, Verdampfer, Vernebler, Vaporisatoren und Tabakerhitzer … die, ginge es nach der Industrie, überhaupt nicht in der Bewerbung eingeschränkt werden dürften – es ginge hier ja um den vermeintlichen Ausstieg aus der Sucht (und nicht etwa um den Einstieg von Jugendlichen in eine lebenslange Abhändigkeit).

Realistisch gesprochen muss man davon ausgehen, dass erst mit der Abwahl der CDU Bewegung in die Sache kommen kann. Gehen Sie also wählen. Weder bei der ÖdP noch bei Grünen oder Linken ist von einer derartigen, gesamtgesellschaflich schädlichen finanziellen Beeinflussung auszugehen.

Q: https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/live-nach-neun/videos/tabakwerbung-video-100.html

Categories: Tabakwerbung
Sep
18

Kurzer Blick rundum

In Deutschland gelingt es der Lobby die Regierungsparteien der CDU/CSU-Fraktion und wohl auch Teile der SPD so zu beeinflussen, dass seit Beginn der Kanzlerschaft von Dr. Angela Merkel kaum Fortschritte in der Tabakprävention zu verzeichnen sind. Und dies, obwohl die ehemalige Drogenbeauftragte Marlene Mortler und der Landwirtschaftsminister Christian Schmidt CSU-Politiker/in sind und beide zusammen auch ambitionierte Pläne für Tabakwerbeverbote (2014, 2016/17) hatten.

Heute wollen wir aber mal einen Blick auf die Nachbarländer werfen:

  • Alle EU-Mitgliedsstaaten – außer Deutschland – haben mittlerweile Gesetze eingeführt, welche die Tabakwerbung sowie Sponsoring deutlich umfassender verbieten als dies in der EU-Richtlinie 2003/33/EG zu Tabakwerbung im Internet, in Zeitungen und Zeitschriften geregelt ist.
  • Erwiesenermaßen sind starke Steuererhöhungen auf Tabakprodukte eines der wirksamsten Instrumente der Prävention, viele Länder erhöhen aber trotzdem stufenweise und langfristig geplant. In Frankreich findet diese Erhöhung in drei Schritten von 2017 bis 2020 statt und wird zuletzt den Preis pro 20er-Schachtel auf etwa 10 € heben. Im Vergleich: Zigaretten kosten in Deutschland ~7 €.
  • In vielen Ländern (außer, dank der rechtsnationalen FPÖ, in Österreich) herrscht ein absoluter Nichtraucherschutz in der Gastronomie – in Deutschland gibt es in vielen Bundesländern Ausnahmen für kleine Kneipen oder für Nebenzimmer
  • In Frankreich, Irland, Großbritannien, Norwegen, Slowenien (2020) und Ungarn (Ursprünglich Mai 2019 nun ab 2022) sind Zigaretten nur mehr in einheitlicher Verpackung („Einheitsverpackung“, Plain Packaging) ohne Design, individueller Farbgestaltung oder Logo abzugeben.
  • Schweden plant bis 2025 rauchfrei zu werden und verschärft hierfür das generelle Rauchverbot. Es wird ab 1. Juli verboten sein in Freiflächen (Biergarten, Terrassen usw.) von Gaststätten und unmittelbar vor Lokalen sowie auf Spielplätzen, auf Bahnsteigen und an Haltestellen zu rauchen oder zu „dampfen“; d. h. die neuen Regelungen gelten auch für E-Zigaretten und Tabakerhitzer.
  • Finnland möchte bis 2035 die Raucherquote bei 15- bis 64-jährigen auf unter zwei Prozent senken, und damit faktisch rauchfrei werden. Eine Regelung auf dem Weg dorthin wird sein, dass finnische Staatsbürger mindestens 24 Stunden im Ausland verbringen müssen, damit sie Tabakerzeugnisse oder sogenannte Liquids mit Nikotin importieren dürfen.

Damit sich in Deutschland etwas ändert muss sich scheinbar an den politischen Machtverhältnissen in Berlin etwas ändern, denn auch mit dem neuen Fraktionsvorsitzenden Brinkhaus scheint kein echter Wille zu mehr Jugend- und Nichtraucherschutz in die Köpfe der Unionspolitiker eingezogen zu sein. Und: Mahnungen der Tabakindustrie, Werbeverbote würden zu Entlassungen führen, können nicht direkt auf die verlorenen 1.050 Arbeitsplätzen durch „Reduzierung der Produktionskapazitäten“ von Philip Morris in Berlin zum 1. Januar 2020 angewandt werden – denn es gibt kein gesetzliches Werbeverbot. Noch nicht mal in ferner Sicht.

Categories: Politik,Prävention
Jul
02

6 von 7 Experten schlagen Werbeverbot für Tabak vor

Am gestrigen Montag war es so weit: die öffentliche Anhörung vor dem
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Bundestags hatte sieben Fachleute und einen Lobbyisten geladen. Sechs der sieben Experten sprachen sich vor dem Ausschuss, der von der CDU/CSU-Fraktion geleitet wird, für eine Verbot von Werbung für Tabakprodukte und vergleichbare elektronische Produkte aus.

Geladen waren:

  • Dr. Frank Henkler-Stephani, Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • Prof. Dr. Reiner Hanewinkel vom Institut für Therapie- und Gesundheitsförderung (IFT-Nord) 
  • Dr. Tobias Effertz, Heinricht-Heine Universität Düsseldorf
  • Ute Mons, Deutsches Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ)
  • Prof. Dr. Daniel Kotz, Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Christoph Degenhart, Universität Leipzig
  • (Dr. Verse vom Goethe Institut Leipzig konnte wegen Zugausfall nicht erscheinen)

Insgesamt stimmten bis auf Degenhart alle überein, dass Zigarettenwerbung eine enorme Gefährdung von Kindern und Jugendlichen wären, sehen den kausalen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Tabakwerbung und daraus resultierendem Tabakkonsum. Sowohl die Gesundheit der Menschen ließe sich durch ein Werbeverbot deutlich fördern als auch die Prävalenz bei Jugendlichen mit dem Rauchen zu beginnen weiter senken. Alle Sozialversicherungskassen könnten durch das Zurückdrängen des Tabakkonsums deutlich profitieren – Dr. Effertz bezifferte die gesellschaftlichen Kosten mit jährlich knapp 100 Milliarden Euro (Umsatz mit Zigaretten in Deutschland pro Jahr 22-24 Mrd mit ca. 14 Mrd € Tabaksteuer-Anteil) — eine Zigarettenschachtel müsste 11,30 € kosten, um diese aufzufangen. Mons betonte allein in 2018 könnten schon über 85.000 Krebsneuerkrankungen, also jede fünfte neu diagnostizierte Krebserkrankung, auf das Rauchen zurückgeführt werden. Dr. Effertz wies auch auf die starke Verschränkung zwischen E- und regulären Zigaretten hin und forderte deshalb auch die Einbeziehung der elektrischen Produkte in das Werbeverbot.

Daneben hatte noch Jan Mücke vom Deutschen Zigarettenverband e. V. Zeit bekommen, um seine Lobbyinteressen direkt vor dem Ausschuss auszubreiten. Selbstverständlich behauptete Mücke, ein Werbeverbot griffe in die Freiheitsrechte von Unternehmen ein („verfassungswidrig“ – eine Behauptung ersetzt tausend Argumente) und überhaupt wäre ja Tabakwerbung schon weitgehend eingedämmt worden v. a. weil sie sich ja gesetzlich nicht an Kinder und Jugendlichen richten darf und deshalb überflüssig wäre (Anm. d. Red.: allein ich habe im vergangenen Jahr mehrere Plakate als jugendgefährdend beim Deutschen Werberat und bei den zuständigen Behörden angezeigt. Mücke gab zu, dass es drei Verstöße gegen den eigenen Kodex im Jahr 2016 und einen Verstoß in 2018 gegeben hat; gleichzeitig behauptete er, dass es keinerlei Anzeigen wegen Jugendgefährdung gegeben hätte.).

Der Jurist Prof. Degenhart fabulierte, fast wie auswendig gelernt, über einen Vorstoß des Tabakwerbeverbots als Grundlage für weitreichende Verbote für alle möglicherweise gefährlichen Produkte und begründete seine ablehnende Haltung hierzu insgesamt mit Eingriffen in die durch die Verfassung geschützte „Meinungsfreiheit“. Die an seinen Beitrag anschließende Mimik und Gestik dürfte für jeden Forscher auf diesem Gebiet einen umfangreichen Fundus bieten. Sein Husten allerdings gibt eher Anlass zur Sorge und sollte dringend von einem Lungenfacharzt untersucht werden. Degenhart wurde im späteren vom Linken-Abgeordneten Niema Movassat regelrecht bloßgestellt, weil er schon vor dieser Anhörung ein Gutachten für die Deutsche Werbewirtschaft (vorgestellt vom Deutschen Zigarettenverband) geschrieben hatte.

Und hier das Video zur Anhörung:

Und noch ein freies Zitat von Prof. Dr. Kotz: „Warum rauchen Menschen überhaupt noch? Weil es so leicht ist, mit dem Reichen anzufangen, und so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören.“ Ein schönes Schlusswort!

Ab Minute 30 beginnt die Befragung durch die Abgeordneten; es beginnt durch hochinteressante Fragen der Drogenbeauftragten Marlene Mortler. Und anschließend spricht Rainer Spiering für die SPD und startet leidenschaftlich mit einem Appell gegen die zynischen Ausführungen von Hr. Mücke (ca. Minute 36).

Die vollständigen Gutachten der Sachverständigen und des Lobbyisten können hier abgerufen und eingesehen werden: Deutscher Bundestag

Q: Ärzteblatt, WirtschaftsWoche. GeneralAnzeigerBonn, Deutscher Bundestag

Categories: Politik,Tabakwerbung
Dez
11

Parteitage und deren Sponsoren

Die Mittel aus dem Bundeshaushalt zur Parteienfinanzierung sind nicht gerade klein, bemessen sich aber zum Teil auch daran, wie viele Mitgliedsbeiträge und Spenden („selbsterwirtschaftete  Mittel“) eine Partei erzielt. Dies soll die Verwurzelung der Parteien in der Gesellschaft widerspiegeln. Die staatlichen Mittel sollen es den Parteien überhaupt erst ermögliche, ernsthaft an der politischen Willensbildung der Bürger/innen mitzuwirken um dem gesetzlichen Auftrag aus §21 des Grundgesetzes nachzukommen.

Dass Parteitage durch Sponsoren mitfinanziert werden ist hinlänglich bekannt. Im Gegensatz zu Spenden (die ohne jegliche Gegenleistung auskommen müssen) sind Sponsorengelder an eine mehr oder weniger geldwerte Leistung geknüpft. Das kann entweder die Präsentation des Spenders durch Logotafeln oder durch „Hausmessen“ mit Ständen der Sponsoren statt finden.

Bei der CSU sind seit Jahren auch die großen unter den Zigarettenherstellern vertreten. Allen voran meist BAT oder Philip Morris. In diesem Jahr waren von Zigaretten-Konzernen und Lobby-Vertretern der Raucher- und Dampferszene fast alle dabei:

Spendentafel vom Parteitag der CDU, Quelle: Reddit

Der CDU-Parteitag wird Ihnen präsentiert von… from r/de

Neben den Klassikern wie der Philip Morris GmbH und Japan Tobacco International waren auch der DZV (Deutscher Zigarettenverband) und die Deutsche Automatenwirtschaft vertreten. Hierzu kommt mit den „Bündnis für Tabakfreien Genuss e. V.“ ein Lobbyverband der E-Zigaretten-Industrie.

Ist es nötig, dass Politiker durch dieses Sponsoring tatsächlich die „Interessen der Wirtschaft“ auf ein kostenloses Brot geschmiert bekommen, dem der Verbraucher kaum etwas entgegenzusetzen hat? Grenzt dieses Sponsoring nicht schon an aktive Beeinflussung? Und ist es tatsächlich von Wunder, dass Volker Kauder seine Zeit als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion nutzte, um ein wirksames Tabakwerbeverbot zu verhindern?

Heute, am 10. Dezember 2018 wird sich zeigen, wie tief die Beeinflussung ging. Denn kaum ein Politiker wird heute noch behaupten, dass die Interessen der Zigarettenfirmen (sprich Geld für Ihre Aktionäre zu verdienen, vorgeschoben: Arbeitsplätze erhalten) höher wiegen könnten als die Beendigung von gefährlicher Kinderarbeit in armen Ländern rund um den Globus, die „Volksgesundheit“, der Jugendschutz, die Plünderung der Sozialkassen durch Langzeitschäden und der frühe und oft grausame Tod von mindestens 120.000 Menschen jährlich allein in Deutschland. Heute gilt es für den Ausstieg aus der Zigarette einzutreten! Heute muss die Entscheidung gegen eine Fortführung der bisherigen Praxis von Jugendverführung getroffen werden!

Dez
10

EU-Gesundheitskommissar ehrt Aufklärung gegen Tabak

Schon einige Male berichteten wir hier über die hervorragende Idee Medizinstudenten an Schulen gegen einen Suchteintritt werben zu lassen. Und auch darüber, aus dieser „einfachen“ Idee etwas großartiges, flächendeckendes zu entwickeln und mit zig (wenn nicht gar hunderten) Studierenden hunderte (tausende?) Jugendliche von einem Einstieg ins Rauchen abzuhalten. Dr. Titus Brinker begann mit diesem Projekt („Aufklärung gegen Tabak“, AGT) als er selbst noch Medizinstudent war.

Anfang November erhielt diese großartige Idee, erhielten der großartige Initiator Dr. Brinker sowie seine Mitarbeiter Benedikt Gaim und Janina Suhre den Europäischen Gesundheitspreis (Platz 2) aus den Händen des EU-Gesundheitskommissars Vytenis Andriukaitis. Der jährlich verliehene Gesundheitspreis der EU stand in diesem Jahr erstmals unter dem Thema Tabakprävention, er wird an Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) vergeben.

AGT startete in Deutschland und hat hier inzwischen 28 Gruppen an Universitäten mit über 1.500 Studierenden; inzwischen gibt es international sogar 59 Medizinfakultäten in 11 weiteren Ländern. Die Gruppen vor Ort gehen in Schulen und arbeiten anhand wissenschaftlicher Fakten zusammen mit den Schülerinnen und Schülern der siebten Klassen (pro Jahr etwa 24.000!) an einem bessern Verständnis für die Schäden, die Tabak ausrichtet, wie eine Sucht entsteht und wie sich Rauchen auf die „Schönheit“ sowie die Fitness auswirkt. Dazu ist eine Ausbildung der angehenden Ärzte notwendig und eine große Menge Material musste zusammen getragen, ausgewertet und zu einem medizinisch-pädagogischen Konzept ausgearbeitet werden.

Um die Schüler besser erreichen zu können wurde u. a. die App „SmokerFace“ entwickelt, die den Verfall eines Rauchergesichts in kurzer Zeit auf medizinischen Fakten simuliert. Für Schüler/innen, die bereits von Zigaretten (oder anderen Nikotinprodukten) abhängig geworden sind, gibt es zusätzlich eine Entwöhnung-App, die den Motivationsgrad zum Rauchstop hoch hält – natürlich kann diese App auch von Rauchern jeden Alters kostenlos bezogen werden.

Platziert wurden außerdem das Projekt “X-HALE Youth Smoking Prevention Programme” der irischen Krebsgesellschaft sowie die “Youth Organisation No Excuse Slovenia”. Andriukaitis betonte aber, dass alle elf für die Endrunde ausgesuchten Initiativen herausragende Leistungen mit unterschiedlichen Ansätzen zur Tabakprävention und damit einen wertvollen Beitrag im gemeinsamen Engagement für einen Erhalt der europäischen Gesundheit geleistet haben (bzw. leisteten).

Einen ausführlichen Bericht zur Preisverleihung inklusiv Video finden Sie hier (AGT) und bei der EU-Kommission.

Wir gratulieren sehr herzlich zu diesem verdienten Preis – weiter so!

Dez
06

Tabakwerbung gezielt für Kinder gemacht?

Auch wenn Tabakkonzerne seit Jahren Wert darauf legen, dass Ihre Werbung – ob auf Plakaten oder im Kino – nur für junge und ältere Erwachsene bestimmt sei zeigen Studien doch regelmäßig, dass sie vor allem für Kinder interessant und verführend wirken. Und vermutlich dürfte das auch die Absicht hinter der Werbung im Wert von mehr als 200 Millionen € pro Jahr alleine in Deutschland sein.

Für die DAK (Deutsche Angestellten Krankenkasse) hat das Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) das Rauchverhalten von 6.900 Kindern von zehn bis 18 Jahren dokumentiert und analysiert. In seiner Erläuterung schildert Prof. Reiner Hanewinkel: „Während vor zehn Jahren so gut wie ausschließlich Zigaretten geraucht wurden, sind heute Shishas, E-Zigaretten und E-Shishas von großer Bedeutung“. Bereits 22 % der Schülerinnen und Schüler haben bereits an einer elektrischen Zigarette und ebenso viele an der „echten“ Tabakzigarette gezogen. Noch höher ist der Shisha-Verbreitungsgrad: 23 % haben damit schon Erfahrungen gemacht. In Deutschland ist der Konsum von Tabak und auch von elektrischen Verdampfern wie sie in E-Zigaretten und dem Shisha-Pendant eingesetzt werden für Jugendliche unter 18 Jahren verboten.

Schädlich? Ach!?

Viele der Minderjährigen halten die elektronischen Varianten aber für mehr oder weniger ungefährlich. „Auch wenn der Schadstoffgehalt bei E-Zigaretten im Vergleich zu Tabakzigaretten geringer ist und es nikotinfreie Varianten gibt: Die gesundheitliche Unbedenklichkeit der E-Zigarette ist nicht erwiesen.“ sagt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) – es gibt sogar Untersuchungen die eine Gefährdung sehen, die fast dem der Tabakzigarette entspricht.

Gerade diese Verharmlosung macht die E-Kippe aber so verführerisch – reue- und risikoloser „Genuß“. Weil aber Werbung bei jungen Menschen besonders gut verfängt, ist dies verhängnisvoll. Hanewinkel meint: „Und diese Werbung wirkt gleich mehrfach“. Denn wenn Kinder Werbung für E-Zigaretten kennen benutzten sie diese nicht nur häufiger, sie konsumierten auch häufiger andere nikotinhaltige Produkte wie Shishas oder echte Kippen.

Die Schlussfolgerung der DAK ist einfach:  „Kinder und Jugendliche werden durch Werbung zum Rauchen verführt. Deshalb muss die Politik nun endlich ein umfassendes Werbeverbot für Tabak, Zigaretten und auch für E-Zigaretten durchsetzen“, fordert Andreas Storm, Vorstandschef der DAK. Besonderes Augenmerk liegt auf neuen Firmen, die bisher weniger im Blick sind als die herkömmlichen Tabakmultis.

Juul heißt die Marke eines US-Unternehmens, das in manchen amerikanischen Großstädten bereits 70 % des E-Zigarettenmarktes beherrscht. In kürze will Juul auch in Europa den Verkaufsstart beginnen. Leider droht auch in Europa ein ähnlicher Hype, obwohl die EU-Tabakrichtlinie längst nicht so viel abhängig machendes Nikotin in den Liquids zulässt, wie es Juul in Amerika verkauft. Bis zu 5 % Nikotin sind dort in den Verdampfer-Flüssigkeiten enthalten, in der EU sind maximal 2 % zulässig. Das bewusst an das Wort „cool“ angelehnte Produkt ist äußerlich eher ein USB-Stick oder ein Textmarker als eine Zigarette und kann über den Laptop mit Strom versorgt werden. Obwohl es offiziell erst an (je nach Bundesstaat) 18- bis 21-jährige verkauft werden darf hat es vor allem an Schulen seine Nische gefunden.

Inzwischen werden Eltern und Lehrer gegen den extremen Suchtfaktor der E-Zigarette aktiv. E-Bay Nordamerika soll den Verkauf auf den Druck der Öffentlichkeit inzwischen eingestellt haben, die nationale Behörde für Lebensmittelüberwachung und Arzneimittel, (FDA, Food and Drug Administration) wurde von diversen Politikern zum Eingreifen aufgefordert. Bei Testkäufen der FDA konnten Jugendliche und Kinder in Tankstellen und kleinen Läden fast überall Juul erwerben, obwohl das streng verboten ist. Der Einstiegspreis liegt bei einem Starter-Set bei etwa 50 $, die Liquids liegen bei wenigen Dollars. Die E-Zigarette kann, anders als Tabakprodukte, auf der Schultoilette oder gar im Klassenraum verwendet werden ohne bemerkt zu werden oder die überall verbauten Rauchmelder auszulösen.

E-Zigaretten sind ein echter „Wachstumsmarkt“ – und das trotz unerforschter Langzeitfolgen und diverser Studien, die das Suchtpotential und die Gefährlichkeit von Verdampfern zeigen. Umsatzsteigerungen von 50 % jährlich und ein Umsatz von gut 600 Millionen Euro bedeuten inzwischen 10 % Marktanteil in Deutschland. Immerhin hat die FDA in Amerika nun Juul Labs und zwei weitere Hersteller aufgefordert über Inhaltsstoffe und Wirkung sowie die Vermarktung ihrer Vaporisatoren und der Liquids Auskunft zu geben.  „Die traurige Wahrheit ist, dass elektronische Nikotinliefersysteme wie E-Zigaretten enorm populär bei Kids geworden sind“, erklärt Scott Gottlieb, Chef der FDA. „Wir verstehen noch nicht, warum. Aber es ist geboten, dass wir es herauskriegen, und zwar schnell. Diese Dokumente könnten uns helfen.“

Einen ersten Hinweis, warum die E-Kippe bei Jugendlichen (neben der geringen Entdeckungsgefahr durch Lehrer und Eltern) so verfängt könnten die Verkaufstitel der „Geschmacksrichtungen“ der verwendeten Verdampfer-Flüssigkeiten liegen: „Cool Cucumber“, „Crème Brulée“, „Stoned Smurf“ oder „Fruity Fun Cereal“ – das klingte nicht nach einer Absatzstrategie für Mittfünfziger in der Stahlindustrie sondern deutlich nach jungen, kreativen, weiblichen Käuferschichten. Und das bei dieser Nikotinmenge: in einer kleinen Juul-Kartusche ist soviel Nikotin enthalten wie in einer Schachtel mit 20 Zigaretten. Der Hersteller wirbt sogar mit einem schnelleren, härteren Kick als bei konventionellen Glimmstängeln. Unterlagen für Investoren von Juul zeigen eine annähernd hohe Nikotinaufnahme wie beim „echten“ Rauchen.

 

Q: Spiegel, WELT, SAT1

Nov
30

Es könnte endlich was werden …

Volker Kauder bekommt weiter Gegenwind. Nicht nur, dass es mit dem Westphalen Ralph Brinkhaus endlich einen Gegenkandidaten bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden gibt, die eigenen Reihen wenden sich ganz offensichtlich auch gegen seine Blockadehaltung beim Thema Tabakwerbeverbot.

Ob Brinkhaus aber tatsächlich Chancen hat? Schwer zu glauben. Kauder gilt als einer der einflussreichsten Politiker im Parlament.

Beim Rauchverbot könnte es etwas anders aussehen. Immerhin hat Kauder kürzlich in einem Interview geäußert, er wolle „das Thema schon bald auf die Agenda der Unionsfraktion setzen“. Sein Widerstand ist aber nicht gebrochen, noch immer glaubt er Lobbyisten mehr als Gesundheitsforschern und meinte: „Wir müssen es nochmals in allen seinen Facetten diskutieren: Gesundheit, Jugendschutz, Wirtschaft und Verbraucher.“ Was auch immer da noch zu diskutieren bleibt …?!

Auch die Gesundheitspolitiker der CDU/CSU-Fraktion gehen mit der Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU): „Wir Gesundheitspolitiker werden in unseren eigenen Reihen für ein Verbot der Tabakwerbung auf Außenflächen werben.“ sagte Karin Maag, die gesundheitspolitisch Sprecherin ihrer Fraktion. Allerdings habe die Union „die Meinungsbildung für das Tabakwerbeverbot an Außenflächen noch nicht abgeschlossen“.

Q: Schwaebische.de

Sep
13